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Runden um den Aasee

Lea, 31 · Münster

„Wenn wir eine offene Beziehung hätten“, sagte Jannik, „mit wem würdest du anfangen? Mit dem Typen vom Bioladen?“ Er stand in unserer Küche im Kreuzviertel am Herd, rührte in einer Tomatensoße und grinste mich über die Schulter an. Es war das dritte Mal in dieser Woche. Seit dem Frühjahr, seit sein Kumpel Malte ihm von einem Podcast erzählt hatte, war das sein Lieblingswitz. Offene Beziehung. Er sagte es, wie andere Leute „Lottogewinn“ sagen: als Gedankenspiel, das nichts kostet.

„Mit niemandem“, sagte ich. „Ich hab keine Zeit.“

„Siehst du“, sagte er zufrieden. „Deswegen können wir das auch lassen.“

Ich wusste schon damals, dass er es nicht ernst meinte. Er hätte es nie ertragen. Er erträgt nicht einmal, wenn ich seine Zahnbürste benutze. Aber etwas an diesem Witz blieb bei mir hängen wie ein Splitter, der nicht wehtut, den man aber jedes Mal spürt, wenn man die Hand zur Faust ballt.

Ich laufe seit dem Studium, morgens um halb sieben, bevor das Büro beginnt: vom Kreuzviertel über die Promenade, unter den Linden hindurch, wo um diese Uhrzeit schon die ersten Leezen klingeln, dann hinunter zum Aasee und einmal herum, an den Riesenkugeln vorbei, an den Ruderern, an dem Café am Wasser, das um diese Zeit noch die Stühle aufeinandergestapelt hat. In Münster läuft man nicht allein. Man läuft mit denselben zwanzig Gesichtern, jahrelang, man nickt sich zu und weiß nichts voneinander.

Eines dieser Gesichter gehörte Ben. Er lief in meine Richtung, in einem ausgewaschenen grauen Shirt, und überholte mich immer an derselben Stelle, kurz hinter der Torminbrücke, und immer sagte er dabei etwas. „Morgen.“ „Schon wieder?“ „Heute bist du schneller.“ Irgendwann im Mai lief er nicht vorbei, sondern neben mir her, und wir redeten eine ganze Runde lang über Treppenhäuser. Er war Tischler, ich bin Architektin, und wir hatten beide eine Schwäche für Handläufe aus Eiche. Es gibt schlechtere Gründe, sich anzufreunden.

Zuerst war es wirklich nur Freundschaft. Das sage ich nicht, um mich herauszureden. Wir liefen zusammen, dienstags und freitags, und danach tranken wir manchmal einen Kaffee am Prinzipalmarkt unter den Bögen, wo die Tische eng stehen und alle so tun, als hörten sie nicht zu. Ben erzählte von seiner Werkstatt in Coerde, von seiner Exfreundin, die nach Leipzig gezogen war, von seinem Plan, irgendwann ein Boot zu bauen. Ich erzählte von Bauanträgen, von Bauherren, die im letzten Moment noch eine Gaube wollen, und manchmal von Jannik, nie etwas Schlechtes. Es gab nichts Schlechtes zu erzählen. Das war ja das Seltsame.

An einem Freitag im September kam der Regen so plötzlich, dass wir uns unter das Vordach eines Bootshauses retteten, triefend, lachend, zu dicht nebeneinander. Er strich mir eine nasse Strähne aus der Stirn, eine ganz beiläufige Geste, und dann war sie nicht mehr beiläufig. Wir sahen uns an. Ich hätte einen Schritt zurücktreten können, Platz genug war da. Ich tat es nicht.

„Das ist eine blöde Idee“, sagte er leise.

„Ich weiß“, sagte ich. Dann küsste ich ihn, und es war keine blöde Idee, jedenfalls nicht in diesem Moment.

Wir stellten die Regel eine Woche später auf, in seiner Wohnung am Hafen, danach, auf einer Matratze, die er selbst mit einem Rahmen aus Kiefer eingefasst hatte. Mein Kopf lag auf seiner Schulter, draußen auf dem Hafenweg klapperten Fahrräder über das Pflaster.

„Kein Wort über Gefühle“, sagte ich. „Nie. Nicht einmal im Spaß.“

„Und wenn doch welche da sind?“

„Dann behalten wir sie für uns. Wie Kleingeld.“

Er dachte nach, so wie er über eine Fuge nachdenkt, gründlich und ohne Eile. Dann nickte er. „Kein Wort. Versprochen.“

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Es funktionierte, besser, als ich gedacht hätte. Wir liefen weiter, dienstags und freitags. Nach dem Laufen fuhr ich manchmal nicht ins Büro, sondern zu ihm, und saß eine Stunde später an meinem Schreibtisch, mit nassen Haaren, die jeder für Duschhaare hielt. Mit Jannik wurde es nicht schlechter als vorher. Es wurde sogar besser, und das beschämte mich mehr als alles andere. Ich war zu Hause geduldiger, zärtlicher, als hätte ich irgendwo einen Druck abgelassen, von dem ich nicht gewusst hatte, dass er da war. Wenn Jannik seinen Witz machte, lachte ich jetzt mit. Er fand, ich sei entspannter geworden. Er hatte recht.

Die Schuld kam nachts, meistens gegen drei. Ich lag neben ihm, hörte ihn atmen und dachte: Im Grunde hat er es dir doch angeboten. Und dann dachte ich: Nein, hat er nicht. Er hat einen Witz gemacht, und du hast ihn als Erlaubnis verbucht. Beides war wahr. Ich lernte, mit zwei Wahrheiten gleichzeitig einzuschlafen.

Im Oktober machte Jannik seinen Witz beim Essen mit Freunden, in einer Kneipe an der Kreuzstraße, vor sechs Leuten. „Lea und ich überlegen, ob wir uns öffnen“, sagte er und zwinkerte, und alle lachten, und Malte klopfte ihm auf die Schulter. Ich lachte auch. Dann ging ich zur Toilette, sah mich im Spiegel an und wartete, bis meine Hände aufhörten zu zittern. Es war nicht die Angst, entdeckt zu werden. Es war etwas Hässlicheres: der kurze, gemeine Wunsch, ihm zu sagen, dass sein Witz längst Wirklichkeit war. Nur um sein Gesicht zu sehen. Ich tat es nicht. Ich ging zurück an den Tisch, bestellte noch ein Pils und ließ ihn den Abend gewinnen. Auf dem Heimweg, am Buddenturm vorbei, hielt er meine Hand und sagte, er sei froh, dass wir so etwas nicht nötig hätten. Ich sagte, ich auch.

Im Dezember lag der Aasee unter einer grauen Kälte, und wir liefen seltener. Ben schrieb mir an einem Donnerstag, ob ich Lust auf einen Glühwein hätte, ganz öffentlich, wie Freunde das eben tun. Wir trafen uns auf dem Weihnachtsmarkt an der Lambertikirche, zwischen den Buden mit Holzspielzeug und gebrannten Mandeln, und über uns hingen die drei Käfige am Turm, in denen vor fast fünfhundert Jahren die Leichen der Täufer ausgestellt wurden. Ich habe diese Käfige nie gemocht. An diesem Abend sahen sie aus wie Laternen.

Ben trug eine Mütze, die ihm zu klein war, und hielt seinen Becher mit beiden Händen. Wir redeten über nichts, über den Preis des Glühweins, über einen Bauherrn von mir, der eine Sauna auf dem Dach wollte. Dann wurde er still. Er sah mich an, und ich kannte diesen Blick, ich hatte ihn im Regen unter dem Vordach gesehen, und ich wusste, was er sagen würde, bevor er den Mund aufmachte.

„Lea“, sagte er. „Ich muss dir was …“

„Nicht“, sagte ich.

„Nur ein Satz.“

„Ein Satz ist genau das Problem.“

Um uns herum drängten sich die Leute, irgendwo sang ein Chor, eine Frau lachte schrill über etwas, das wir nicht hörten. Ich merkte, dass ich es auch sagen wollte. Dass es mir auf der Zunge lag, so sicher wie der Geschmack von Zimt. Ein einziger Satz, und alles wäre anders: die Dienstage, die Freitage, Jannik, die Küche im Kreuzviertel, mein ganzes ordentliches Leben mit seinen Handläufen und Fluchtwegen. Ich bin Architektin. Ich weiß, was passiert, wenn man eine tragende Wand herausnimmt, nur weil man mehr Licht will.

Ich legte meine Hand kurz auf seine, über dem warmen Becher. „Wir haben eine Regel“, sagte ich. „Und die ist gut. Die hält uns.“

Er sah lange auf unsere Hände. Dann atmete er aus, eine kleine weiße Wolke, und nickte. „Kleingeld“, sagte er.

„Kleingeld“, sagte ich.

Wir tranken aus, brachten die Becher zurück, holten das Pfand und teilten die Münzen, als wäre das ein Ritual. Dann fuhr jeder auf seiner Leeze in seine Richtung, er zum Hafen, ich ins Kreuzviertel. Zu Hause saß Jannik auf dem Sofa und fragte, wie der Glühwein gewesen sei. „Zu süß“, sagte ich, und er lachte und meinte, nächstes Jahr sollten wir zusammen hingehen, er kenne einen Stand mit besserem.

Am Freitag darauf stand Ben um halb sieben an der Torminbrücke und wartete auf mich. Wir liefen eine Runde, schweigend, im Dunkeln, im Gleichschritt. Es war kein Wort nötig. Das war ja die Regel.

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