Kleingedrucktes am Medienhafen
Ulrike, 47 · Düsseldorf
„Punkt eins“, sagte Ulrike und schraubte den Füller auf, „wir schreiben das nicht in mein Handy. Handys werden gelesen.“
Der Mann ihr gegenüber hieß Matthias und trug ein Hemd, das jemand anders gebügelt hatte. Er zog die Augenbrauen hoch. „Und eine Serviette wird nicht gelesen?“
„Eine Serviette wird weggeworfen. Das ist ihr großer Vorzug.“
Sie saßen an einem der kleinen Metalltische vor einem Café im Medienhafen, schräg gegenüber den schiefen Häusern von Frank Gehry, die an diesem Oktobernachmittag aussahen, als hätte jemand versucht, sie zu stapeln, und wäre dabei eingeschlafen. Das weiße Gebäude glänzte, das silberne spiegelte den Himmel, und das rote Backsteinhaus daneben stand da wie ein Onkel, der die Jugend nicht mehr versteht. Ulrike mochte diese Häuser. Sie hatten etwas Unordentliches, das sich trotzdem an die Statik hielt.
Sie war siebenundvierzig, Steuerberaterin mit eigener Kanzlei in Oberkassel und seit dreiundzwanzig Jahren mit Jörg verheiratet. Die Kinder waren aus dem Haus, die Tochter in Aachen, der Sohn in Lissabon, wo er angeblich studierte und nachweislich surfte. Seitdem war es im Haus so still, dass man den Kühlschrank hören konnte. Jörg hörte ihn nicht. Jörg hörte Podcasts über Weinbau und schlief um halb elf ein, zuverlässig wie eine Umsatzsteuervoranmeldung.
Matthias hatte sie drei Wochen zuvor kennengelernt, auf einer Seite, die sie niemandem je zeigen würde. Er war Anfang fünfzig, Projektleiter bei einer Versicherung am Kennedydamm, verheiratet, zwei Söhne im Teenageralter. Sie hatten viel geschrieben und einmal telefoniert, und beim Telefonieren hatte er an einer Stelle gelacht, an der andere Männer sich verteidigt hätten. Deshalb saß sie jetzt hier.
„Brauchen wir eine Präambel?“, fragte er.
„Jeder ordentliche Vertrag hat eine Präambel.“ Sie schrieb in ihrer kleinen, schrägen Schrift oben auf das Papier: Die Parteien sind erwachsen und wissen, was sie tun.
„Das ist optimistisch“, sagte er, als er es las.
„Das ist eine Absichtserklärung. Die sind immer optimistisch.“
Er lachte, dieses kurze, überraschte Lachen, und sie merkte, dass sie genau darauf gewartet hatte. Sie senkte den Blick auf die Serviette, bevor er es bemerken konnte. Die Bedienung brachte zwei Cappuccino.
Paragraf eins: Frequenz. Einmal im Monat.
„Einmal im Monat“, sagte er. „Das klingt nach Zahnarzt.“
„Zahnarzt ist zweimal im Jahr. Einmal im Monat ist Friseur.“
„Und wenn einer von uns mehr will?“
„Dann ist das ein Vertragsbruch mit Ansage“, sagte sie. „Und genau davor schützen wir uns. Ich kenne mich. Wenn es öfter passiert, wird es wichtig. Und wenn es wichtig wird, wird es gefährlich.“
Er nickte langsam. Auf dem Hafenbecken glitt ein Ausflugsschiff vorbei. Matthias sah ihm nach. „Ich habe meiner Frau gesagt, ich hätte heute einen Termin in Neuss.“
„Dann fährst du nach dem Kaffee nach Neuss und kaufst irgendwas.“
„Was denn?“
„Das ist dein Problem. Ich mache hier nur die Struktur.“
Paragraf zwei: Kommunikation. Kein Kontakt zwischen den Terminen. Kein Guten Morgen, keine Fotos, keine Sprachnachrichten.
Hier zögerte er zum ersten Mal. „Gar nichts? Auch nicht, wenn ich an dich denke?“
„Gerade dann nicht.“ Sie sah ihn an. „Weißt du, wie Affären auffliegen? Sie fliegen auf, weil jemand um Viertel nach zehn am Küchentisch auf sein Handy schaut und lächelt. Ich habe Mandanten, Matthias. Ich habe Scheidungen erlebt, bei denen am Ende die Bewirtungsbelege wichtiger waren als die Ehe. Das Lächeln am Küchentisch ist das Gefährlichste, was es gibt.“
Er nahm ihr den Füller aus der Hand, vorsichtig, als wäre er aus Glas, und schrieb unter ihren Satz: Ausnahme: Terminabsprache, höchstens drei Nachrichten. Seine Schrift war groß und rund, beinahe kindlich, und das rührte sie auf eine Weise, die im Vertrag nicht vorgesehen war.
„Drei Nachrichten“, sagte sie. „Einverstanden. Ort, Zeit, Bestätigung.“
„Und wenn einer absagen muss?“
„Dann ist das die dritte.“
Der Wind vom Rhein kam in Stößen, und Ulrike stellte die Untertasse auf die Serviette, damit ihr Vertrag nicht ins Hafenbecken segelte. Drüben am Stadttor saßen Leute in gläsernen Büros, die sich vermutlich für wichtig hielten. Früher hatte sie selbst in so einem Büro gesessen und gedacht, irgendwann fange das Leben an. Es hatte angefangen, nur anders als erwartet: Elternabende, Zahnspangen, Jahresabschlüsse und ein Mann, der sie mochte, aber nicht mehr ansah.
„Paragraf drei“, sagte Matthias. „Gefühle.“
„Keine.“
„Das kann man nicht vereinbaren.“
„Man kann vereinbaren, was man damit macht.“ Sie schrieb: Entstehen Gefühle, sind sie Privatsache der betroffenen Partei und werden nicht vorgetragen. „Wenn du dich in mich verliebst, ist das dein Problem. Und umgekehrt.“
„Und woher weiß der andere das?“
„Gar nicht. Das ist der Trick.“
Hast du selbst ein Geheimnis frei?
Die Frauen in diesen Geschichten haben den ersten Schritt gewagt. Wähle einen Nickname, such deine Stadt und schreib ihr, was du dir vorstellst.
Seitensprung findenEr las den Satz zweimal. Dann legte er den Füller hin und sah sie an, so lange, dass es beinahe unhöflich wurde. „Du bist sehr gut darin.“
„Worin?“
„Dich vor Dingen zu schützen, die noch gar nicht passiert sind.“
Sie hätte etwas Schlagfertiges sagen können. Stattdessen trank sie ihren Cappuccino aus, der inzwischen kalt war, und dachte an den Abend vor einem Monat, an dem sie Jörg gefragt hatte, ob er sich noch an ihren ersten gemeinsamen Urlaub erinnere, Ameland, das Zelt, der Sturm. Ohne vom Tablet aufzusehen, hatte er gesagt: „War das nicht Texel?“ Es war Ameland gewesen. Sie hatte in jener Nacht nicht geweint, sie hatte nur lange wach gelegen, und am nächsten Morgen hatte sie sich angemeldet.
„Ich will ihn nicht verlassen“, sagte sie. „Das sollst du wissen. Er ist kein schlechter Mann. Er hat nur aufgehört, neugierig zu sein. Und ich habe gemerkt, dass ich nicht damit aufgehört habe.“
„Ich will meine Frau auch nicht verlassen“, sagte Matthias. „Wir sind ein gutes Team. Das ist ja das Problem. Wir sind nur noch ein Team.“
Einen Moment lang schwiegen beide. Es war das erste Mal an diesem Nachmittag, dass keiner von ihnen witzig war. Sie spürte, wie ihr die Kehle eng wurde, und sie spürte auch, dass sie vor diesem Mann nicht davonlaufen wollte.
„Paragraf vier“, sagte sie, und ihre Stimme war wieder fest. „Beendigung.“
„Wie beendet man so etwas?“
„Mit einer Nachricht. Mit einem einzigen Wort. Auf das Wort einigen wir uns jetzt.“
Er dachte nach. Über ihnen schrie eine Möwe, als hätte sie eine Meinung dazu. „Texel“, sagte er schließlich.
Sie starrte ihn an. „Warum Texel?“
„Keine Ahnung. Klingt nach Abschied. Nach Fähre und Nebel.“
Sie lachte, zu laut, und die Frau am Nebentisch drehte sich um. Er konnte nicht wissen, warum. Und sie würde es ihm nicht erzählen, das stand jetzt schließlich im Vertrag. „Texel“, sagte sie. „Wer Texel schreibt, bekommt keine Antwort. Kein Warum, keine Aussprache, kein letztes Treffen.“
„Ohne Drama“, schrieb er darunter.
„Ohne Drama“, wiederholte sie. „Und Paragraf fünf: keine Geschenke, keine Hotels in Düsseldorf, keine Restaurants, in denen meine Mandanten essen. Das heißt: keine Restaurants in Düsseldorf.“
„Wo dann?“
„Ich habe eine Wohnung in Kaiserswerth. Die Einliegerwohnung meiner Mutter, sie ist letztes Jahr ins Stift gezogen. Ich soll sie ausräumen. Ich räume sehr langsam.“
Er sah sie über den Rand der Tasse an, und diesmal lachte er nicht. „Einmal im Monat räumst du.“
„Einmal im Monat.“
Die Sonne stand jetzt tiefer, das silberne Gehry-Haus begann zu glühen, und über Oberkassel färbte sich der Himmel in einem Rosa, das in keinem Geschäftsbericht vorkam. Ulrike nahm die Serviette, las alles noch einmal durch, strich ein Komma und setzte ein anderes. Berufskrankheit.
„Salvatorische Klausel?“, fragte er.
„Du weißt, was das ist?“
„Ich arbeite bei einer Versicherung. Ich verstehe nichts, aber ich kenne alle Wörter.“
Sie schrieb an den unteren Rand: Sollte eine Bestimmung unwirksam sein, bleibt der Rest gültig. Dann drehte sie die Serviette zu ihm und reichte ihm den Füller.
Er unterschrieb zuerst, mit einem schwungvollen M und einem Strich, der beinahe über die Kante lief. Dann sie, klein und ordentlich wie auf tausend Jahresabschlüssen, und trotzdem zitterte ihre Hand ein wenig, und sie hoffte, er sähe es nicht. Er sah es. Er sagte nichts. Das war vielleicht die beste Klausel von allen.
„Und wer bekommt das Original?“, fragte sie.
„Ich dachte, eine Serviette wird weggeworfen.“
„Das war vor der Unterschrift.“
Er faltete die Serviette einmal, zweimal, sehr sorgfältig, Kante auf Kante, als hätte er Angst, einen Paragrafen zu knicken. Dann zog er seine Brieftasche hervor, eine alte, abgewetzte aus braunem Leder, und schob das kleine Quadrat hinter seinen Personalausweis.
„Da schaut niemand nach“, sagte er.
„Da schaut immer jemand nach“, sagte sie. „Aber nicht heute.“
Sie standen auf. Er ging zur Straßenbahn, sie die Promenade entlang Richtung Altstadt, am Landtag und am Rheinturm vorbei, und der Rhein lief neben ihr her, breit und gleichgültig, wie seit Jahrhunderten. Am Apollo-Platz blieb sie stehen und sah auf ihr Handy. Keine Nachricht. Natürlich nicht. So stand es im Vertrag.
Sie merkte, dass sie lächelte. Und dass es noch lange nicht Viertel nach zehn war.







