Nachtdienst
Franziska, 33 · Freiburg im Breisgau
18:04. Das Telefon brummte auf der Arbeitsplatte, zwischen einer Schale Mirabellen und dem Probenheft, in das Franziska seit dem Nachmittag Notizen zu den neuen Grauburgundern schrieb. Sabine. „Süße, es tut mir so leid, Lotte hat Fieber, 39,2. Ich kann heute nicht. Nachholen??“ Zwei Fragezeichen, ein weinendes Gesicht. Franziska schrieb zurück, gute Besserung, natürlich, kein Problem, und schob das Telefon von sich weg. Dann stand sie eine Weile in der Küche ihrer Wohnung in Herdern und hörte, wie still es war.
Moritz war um fünf mit dem Rad zur Uniklinik gefahren, Anästhesie, Nachtdienst bis morgen früh um halb acht. Sie hatte ihm eine Dose Nudelsalat mitgegeben und ihm auf der Treppe einen Kuss auf die Wange gedrückt, den er erwidert hatte, ohne hinzusehen, mit den Gedanken schon bei den OP-Plänen. Seit fünf Jahren verheiratet, seit drei Jahren in dieser Wohnung, und seit ungefähr einem Jahr diese Stille an den Abenden, die nicht böse war, nur leer. Wie ein Glas, das zu lange offen gestanden hat.
18:11. Sie öffnete den Chat, den sie seit Juli nicht gelöscht hatte. Lukas. Sie hatten sich auf dem Weinfest am Münsterplatz kennengelernt, an einem heißen Abend, als er an den Stand ihres Weinguts gekommen war und gefragt hatte, warum dieser Weißburgunder nach grünen Mandeln schmecke. Niemand fragt so etwas. Sie hatte ihm eine Viertelstunde lang von Vulkanböden und Maischestandzeiten erzählt, und er hatte zugehört, als wäre es Musik. Er restauriere Kirchenorgeln, sagte er, und er habe eine Schwäche für Menschen, die ihr Handwerk ernst nehmen. Beim Abschied hatte er seine Nummer auf eine Serviette geschrieben. Seitdem hatten sie sich zweimal geschrieben, höflich, harmlos. Zweimal zu oft, wenn man ehrlich war.
Sie tippte: „Meine Verabredung ist geplatzt. Du hattest behauptet, der Schlossberg sei abends am schönsten. Stimmt das noch?“ Sie las den Satz dreimal. Dann schickte sie ihn ab, bevor ein vierter Blick ihn löschen konnte.
18:26. „Es stimmt jeden Abend. Heute besonders. Schwabentor, halb acht?“
Die Zeit von 18:27 bis 19:10 bestand aus einer Dusche, drei Kleidern, einem Lippenstift, den sie wieder abwischte, und einem kurzen Blick auf das Hochzeitsfoto im Flur, an dem sie mit gesenktem Kopf vorbeiging wie an einem Bekannten, dem man gerade nicht begegnen will. Sie schrieb Moritz nichts. Es gab nichts zu schreiben. Noch nicht.
19:30. Das Schwabentor stand im Abendlicht, der Turm rotbraun vor dem noch hellen Himmel, und daneben quietschte die Straßenbahn um die Kurve. Lukas wartete auf der Altstadtseite, die Hände in den Taschen einer Leinenjacke, und er sah nicht auf sein Telefon, sondern auf die Menschen, als suche er sie in jedem Gesicht. Als er sie entdeckte, lächelte er nicht sofort. Erst als sie vor ihm stand. Das gefiel ihr.
„Du bist gekommen“, sagte er.
„Ich habe es geschrieben“, sagte sie. „Ich halte mich an meine eigenen Nachrichten.“
Sie gingen hinunter nach Oberlinden, wo die alte Linde auf dem kleinen Platz steht und die Bächle so laut rauschen wie nirgends sonst in der Stadt. Ein Kind lief mit einem Holzschiffchen an einer Schnur neben dem Wasser her. Franziska wich einer Rinne aus, verlor beinahe das Gleichgewicht, und Lukas griff nach ihrem Ellbogen. „Vorsicht“, sagte er. „Wer in ein Bächle tritt, muss einen Freiburger heiraten.“
„Das habe ich schon hinter mir“, sagte sie, bevor sie darüber nachdenken konnte.
Er ließ ihren Ellbogen nicht los. Er fragte nicht nach. Er nickte nur, als hätte sie ihm etwas über einen Wein erzählt, das man wissen muss, um ihn richtig zu trinken.
20:15. In einer Weinstube in der Konviktstraße, unter den Glyzinien, die dort über die Gasse wachsen, bestellte er zwei Gläser Spätburgunder vom Kaiserstuhl, und sie musste lachen, weil der Wein von ihrem eigenen Weingut stammte. Sie sagte es ihm nicht. Sie hielt das Glas gegen das Licht, schwenkte, roch, und er sah ihr dabei mit einer Aufmerksamkeit zu, die sie beinahe verlegen machte. „Und?“, fragte er. „Zu jung“, sagte sie. „Aber ehrlich.“ Er hob das Glas. „Auf ehrliche Dinge, die zu jung sind.“ Sie stieß mit ihm an und dachte, dass sie mit dreiunddreißig für nichts mehr zu jung war. Nur zu verheiratet, vielleicht. Und selbst das fühlte sich an diesem Abend an wie eine Frage, nicht wie eine Antwort.
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Seitensprung finden21:40. Der Weg auf den Schlossberg war steiler, als sie ihn in Erinnerung hatte. Sie stiegen durch den dunklen Wald, vorbei an Bänken, auf denen Studenten saßen und Bier tranken, bis hinauf zum Kanonenplatz. Das Münster lag unter ihnen, angestrahlt, der Turm wie aus rotem Zucker gesponnen. Dahinter die Dächer der Altstadt, die Lichter der Straßenbahnen, die sich langsam durch die Straßen schoben, und weiter im Westen, am Rand, der breite, helle Block der Uniklinik.
Franziska sah dorthin und suchte, ohne es zu wollen, das Fenster, hinter dem Moritz jetzt vermutlich stand, mit einem Becher Automatenkaffee, oder über einen Patienten gebeugt, dem er gleich den Schlaf schenken würde. Die Schuld war da, eindeutig und klar wie ein Glockenschlag. Sie ließ sie da sein. Sie versuchte nicht, sie wegzureden. Aber neben der Schuld stand Lukas, so nah, dass sie die Wärme seiner Schulter an ihrer spürte, und neben Lukas stand eine Frau, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte: neugierig, wach, ein bisschen unvernünftig.
Lukas zeigte ihr die Kirchtürme, unter denen er gearbeitet hatte: nicht das Münster, dafür sei er noch zu jung, sagte er, aber eine kleine Kirche in der Wiehre und eine draußen in Günterstal. „Jede Orgel atmet anders“, sagte er. „Man muss ihr eine Weile zuhören, bevor man etwas anfasst.“ Franziska dachte, dass das auch für Weine galt. Und für Menschen.
„Wir können hier einfach stehen bleiben“, sagte Lukas leise. „Und dann gehst du nach Hause.“
„Ich weiß.“ Sie drehte sich zu ihm um. „Wo wohnst du?“
„In der Wiehre. Zwanzig Minuten zu Fuß.“
„Dann gehen wir zwanzig Minuten.“
22:30. Ein Altbau in einer Seitenstraße der Wiehre, knarrende Holztreppe, dritter Stock. In seinem Flur lehnte eine Orgelpfeife aus Zinn an der Wand, fast so groß wie ein Mensch, und Franziska strich im Vorbeigehen mit dem Finger darüber. „Die klingt nur, wenn man sie richtig anbläst“, sagte er, und sie lachte, und er schloss die Tür hinter ihnen. Was danach kam, hatte keine Uhrzeit.
2:47. Das Telefon leuchtete auf dem Nachttisch. Moritz. „Ruhige Nacht bisher. Hoffe, du schläfst gut. Kuss.“ Franziska lag in einem fremden Bett, Lukas' Arm schwer über ihrer Hüfte, und las die Nachricht im Dunkeln. Sie antwortete nicht. Um diese Uhrzeit hätte sie geschlafen. Das war die einzige Wahrheit, die sie ihm in dieser Nacht schenken konnte: dass sie sich an die Regeln ihrer Ehe hielt, wenigstens an die kleinen.
5:10. Sie zog sich im grauen Licht an, leise. Lukas wachte trotzdem auf und sah ihr zu, ohne etwas zu fragen. An der Tür sagte er nur: „Der Schlossberg ist übrigens auch morgens schön.“ Sie küsste ihn, kurz, und sagte nichts, weil jedes Wort ein Versprechen gewesen wäre, und Versprechen hatte sie für diese Nacht keine im Gepäck.
5:34. Die Stadt gehörte den Straßenkehrern und den Bäckern. Franziska ging durch die leeren Gassen der Altstadt, am Münsterplatz vorbei, wo die Marktleute ihre Stände aufbauten, und die Bächle rauschten neben ihr her, als wollten sie sie begleiten oder verpetzen, sie konnte es nicht unterscheiden. Sie trat in keines hinein.
6:00. Die Wohnungstür in Herdern fiel leise ins Schloss. Sie duschte, zog das Bett ab und frisch wieder auf, obwohl niemand darin gelegen hatte, weil es sich richtig anfühlte. Sie stellte die Kaffeemaschine an, legte zwei Brötchen auf den Tisch und schrieb Moritz: „Guten Morgen. Frühstück wartet.“
7:41. Sein Schlüssel im Schloss. Er kam herein, müde, blass, mit dem Geruch von Desinfektionsmittel in den Haaren, und legte die Arme um sie. „Wie war dein Abend mit Sabine?“ Franziska goss ihm Kaffee ein. „Sabine hat abgesagt“, sagte sie. „Ich bin spazieren gegangen. Auf den Schlossberg.“
Es war die Wahrheit. Nur nicht die ganze. Er nickte, trank und sagte, da wolle er auch mal wieder hinauf, mit ihr, irgendwann, wenn er einen freien Abend habe. Franziska lächelte und sah aus dem Fenster, wo über den Dächern die Sonne auf den Schlossberg fiel. Lukas hatte recht, dachte sie. Morgens war er auch schön.







