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Die Stadt gehört uns bis sechs

Annett, 43 · Dresden

Die Buchung kam an einem Dienstag um 14:12 Uhr über das Formular auf meiner Website. Abendführung Altstadt und Neustadt, Donnerstag, 19 Uhr, Teilnehmerzahl: 1. Im Feld für Anmerkungen stand: „Ich bin beruflich eine Woche in der Stadt und habe abends nichts vor als Hotelfernsehen. Ist eine Person zu wenig?“

Ich führe seit elf Jahren durch Dresden. Ich habe Schulklassen durch den Zwinger getrieben, Kreuzfahrtgruppen über den Neumarkt gelotst und amerikanischen Ehepaaren erklärt, warum die Frauenkirche zwei Farben hat. Eine Person allein hatte ich noch nie. Ich schrieb zurück, dass es derselbe Preis sei wie für eine kleine Gruppe. Er antwortete innerhalb von drei Minuten: „Dann bin ich eben eine kleine Gruppe.“

Ich habe darüber gelacht, allein in meiner Küche in Pieschen, und Rico hat aus dem Wohnzimmer gefragt, was so lustig sei. „Ein Kunde“, habe ich gesagt. Das war nicht gelogen. Es war nur noch nicht alles.

Er stand schon da, als ich kam, vor dem Reiterstandbild König Johanns, die Hände in den Taschen eines dunklen Mantels, der für einen Dresdner Oktober etwas zu dünn war. Groß, graue Schläfen, eine Brille mit schwarzem Rand. Er hieß Hauke, war Ingenieur aus Bremen und arbeitete die Woche über bei einem Zulieferer im Dresdner Norden, irgendetwas mit Flugzeugrümpfen. Einen Ehering trug er, schlicht, abgegriffen, einen, den man nicht mehr bemerkt, wenn man ihn zwanzig Jahre lang trägt.

Ich trug meinen nicht, weil ich keinen habe. Rico und ich sind seit neun Jahren zusammen, ohne Trauschein, mit gemeinsamer Wohnung, gemeinsamem Konto für die Miete und einem Kater, der uns beide gleich wenig beachtet.

„Wo fangen wir an?“, fragte er.

„Da, wo alle anfangen“, sagte ich und zeigte auf die Semperoper, die im Scheinwerferlicht so golden aussah, als wäre sie aus Marzipan. „Und dann biegen wir ab, bevor es langweilig wird.“

Ich erzählte ihm die Geschichten, die ich immer erzähle, und merkte bald, dass ich sie anders erzählte. Langsamer. Mit Pausen, in denen er Fragen stellte, die sonst niemand stellt. Wie man den Sandstein nach dem Krieg sortiert hat. Warum die alten Steine dunkel sind und die neuen hell. Ob die Statik der Kuppel wirklich wieder die historische ist. Ingenieursfragen. Ich kannte die Antworten, und es war lange her, dass jemand sie wirklich hören wollte.

Auf der Brühlschen Terrasse war es windig. Unter uns lag die Elbe schwarz und breit, auf der anderen Seite glitzerten die Lichter der Neustadt, und die Dampfer lagen vertäut am Terrassenufer wie schlafende Tiere. Ich sagte meinen Satz vom Balkon Europas, den Goethe angeblich nie gesagt hat, und Hauke lehnte sich neben mich an die Brüstung.

„Machen Sie das gern?“, fragte er. „Jeden Abend dieselben Geschichten?“

„Es sind nie dieselben“, sagte ich. „Die Leute sind andere.“

„Und heute?“

Ich sah ihn an. Er sah zurück, ohne zu lächeln, ruhig, fast neugierig, wie jemand, der eine Zeichnung prüft und noch nicht weiß, ob sie trägt.

„Heute“, sagte ich, „ist die Gruppe ziemlich klein.“

Über die Treppe stiegen wir hinunter in die Augustusstraße, zum Fürstenzug. Hundert Meter Porzellanfliesen, Markgrafen, Herzöge und Könige zu Pferd, und ganz am Ende, zwischen Gelehrten und Künstlern, ein Mann zu Fuß: der Maler, der sich selbst hineingesetzt hat. Ich zeige ihn jeder Gruppe. Meistens lachen die Leute. Hauke lachte nicht. „Kluger Mann“, sagte er. „Wenn man schon im Bild ist, dann wenigstens am Rand, wo einen keiner vermisst.“

Wir gingen weiter zum Neumarkt. Die Frauenkirche stand da, hell und dunkel gefleckt, ein Puzzle aus altem und neuem Stein, und ich erzählte ihm von dem Trümmerberg, der fünfzig Jahre lang hier gelegen hatte, und von den Nummern auf jedem geborgenen Stein. Er stellte sich dicht vor die Mauer und legte die flache Hand auf einen der schwarzen Blöcke. So hatte das noch niemand gemacht. Die Touristen fotografieren. Er fasste an.

„Man sieht die Naht“, sagte er leise. „Aber es hält.“

Ich weiß nicht, ob er von der Kirche sprach. Ich weiß nur, dass ich in diesem Moment beschloss, die Führung nicht um neun zu beenden.

Die Augustusbrücke war fast leer. Unter uns rauschte das Wasser um die Pfeiler, hinter uns leuchtete die Altstadt wie eine Postkarte, die man zu oft angeschaut hat. Auf halber Strecke blieb ich stehen.

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„Ab hier ist die Führung vorbei“, sagte ich. „Offiziell.“

„Und inoffiziell?“

„Inoffiziell zeige ich Ihnen die Neustadt. Aber vorher sollten wir etwas klären.“

Er wartete. Das konnte er gut, das hatte ich den ganzen Abend über bemerkt.

„Ich habe jemanden“, sagte ich. „Seit neun Jahren. Ich verlasse ihn nicht, und ich will auch nicht, dass Sie irgendetwas verlassen. Wenn wir weitergehen, dann heute. Nur heute. Sie melden sich nicht, Sie buchen keine zweite Führung. Und falls Sie in zwei Jahren wieder beruflich hier sind, gehen Sie mit Kollegen essen.“

Er sah auf den Fluss hinunter. Dann nickte er. „Eine Nacht“, sagte er. „Ohne Fortsetzung. Ich glaube, das ist ehrlicher als alles andere, was ich anbieten könnte.“

„Und können wir uns duzen?“

„Ich dachte schon, Sie fragen nie.“

Wir gingen am Goldenen Reiter vorbei, die Hauptstraße hinauf, unter den Platanen hindurch zum Albertplatz, und dann bog ich in die Äußere Neustadt ab, in das Viertel, in dem ich mit Anfang zwanzig gewohnt hatte, als die Häuser noch grau waren und in jedem zweiten Keller eine illegale Bar lag. Heute sind die Fassaden bunt, aber nachts gehört die Gegend noch denselben Leuten wie damals: Studenten auf Treppenstufen, Pärchen vor Spätis, jemand, der auf der Alaunstraße Gitarre spielt, schlecht und mit großer Hingabe.

In einer Kneipe in der Louisenstraße tranken wir Radeberger an einem wackligen Tisch, und ich erzählte ihm keine Geschichten mehr, sondern meine eigenen. Dass ich eigentlich Kunstgeschichte studiert hatte. Dass ich manchmal auf der Brühlschen Terrasse stehe und denke, ich hätte fortgehen sollen, nach Hamburg oder weiter. Dass Rico ein guter Mensch ist, der mich seit Jahren nicht mehr fragt, wie mein Tag war, weil er glaubt, er wüsste es.

Hauke erzählte von Bremen, vom Viertel, von einer Frau, die er liebt, und von einem Haus, in dem sie beide so höflich miteinander umgehen wie Kollegen, die sich schätzen. Er sagte es ohne Bitterkeit. Das machte es schwerer, nicht leichter.

Gegen Mitternacht fing es an zu regnen. Ich zog ihn am Ärmel in die Kunsthofpassage, in den Hof der Elemente, und wir blieben unter dem Torbogen stehen. An der blauen Fassade laufen Regenrinnen in verschlungenen Bögen, Trichter, Rohre, kleine Schalen, und wenn es regnet, fängt das ganze Haus an zu klingen. Es plätschert und gluckert und singt, ein Konzert, das niemand dirigiert.

„Das“, sagte ich, „zeige ich nur Leuten, die Glück haben.“

Er hörte zu, mit geschlossenen Augen, als wäre es ein Messwert, der sich nicht wiederholen lässt. Dann öffnete er sie, und er küsste mich, oder ich ihn, das weiß ich bis heute nicht genau, und es spielt auch keine Rolle.

Sein Hotel lag an der Königstraße, zehn Minuten entfernt. Wir liefen durch den Regen, ohne uns zu beeilen. Im Aufzug standen wir nebeneinander wie Fremde, bis die Tür sich schloss. Auf dem Flur roch es nach Teppichreiniger und Kaffee. Er schob die Karte in den Schlitz, das kleine grüne Licht blinkte, und ich dachte an nichts, zum ersten Mal an diesem Abend, an gar nichts.

Um halb sechs zog ich mich im Dunkeln an. Er schlief nicht, er sah mir zu, und keiner von uns sagte etwas Überflüssiges. An der Tür drehte ich mich noch einmal um.

„Keine zweite Führung“, sagte ich.

„Keine zweite Führung“, sagte er.

Ich ging an den Elbwiesen entlang nach Pieschen, der Fluss lag im Nebel, und die Stadt gehörte für eine halbe Stunde nur mir. Rico schlief noch. Ich legte mich neben ihn, und der Kater sprang aufs Bett und beachtete uns beide gleich wenig.

Seitdem erzähle ich an der Frauenkirche wieder dieselben Geschichten. Nur einen Satz habe ich hinzugefügt, einen kleinen, den kein Tourist bemerkt: Man sieht die Naht, aber es hält.

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