Seitensprung24

Zwischen zwei Diensten

Svenja, 36 · Hannover

Am Kühlschrank hängen zwei Dienstpläne. Ihrer ist mit grünen Magneten befestigt, seiner mit blauen. Früh, Spät, Nacht, frei, bei ihr mit Kugelschreiber eingetragen, bei Dennis ausgedruckt aus dem System der Polizeidirektion, mit Kürzeln, die sie nach acht Jahren Ehe immer noch nachschlagen muss. Samstags, wenn sie beide zu Hause sind, was selten vorkommt, stehen sie manchmal gemeinsam davor wie vor einer Landkarte und suchen die Stellen, an denen sich ihre Wege kreuzen. Es sind nicht viele. Ein Frühstück hier, ein Abend dort, ein freier Sonntag im Monat, wenn sie Glück haben.

Svenja ist sechsunddreißig und arbeitet seit vierzehn Jahren auf einer internistischen Station der MHH. Sie mag ihren Beruf, meistens. Sie mag die Nächte, in denen es still ist, und die alten Frauen, die ihr Pralinen zustecken, die sie nicht essen dürfen. Sie mag es weniger, dass ihr Körper nicht mehr weiß, wann er müde sein soll.

Die Wohnung liegt in der List, dritter Stock, Altbau, mit einem Küchenfenster zum Hof. Gegenüber, im Hinterhaus, auf gleicher Höhe, wohnt Ole.

Ole arbeitet zu Hause. Er schneidet Hörbücher, sitzt den ganzen Tag mit großen Kopfhörern vor zwei Bildschirmen und bewegt die Lippen, wenn er einer Stimme zuhört, die niemand anders hört. Svenja hat ihn monatelang beim Kaffeekochen gesehen, bevor sie wusste, wie er heißt. Irgendwann hob er die Hand. Irgendwann hob sie ihre. Im Frühjahr standen sie gleichzeitig am Kiosk an der Ecke, er kaufte Zigaretten, die er angeblich nicht mehr rauchte, sie eine Zeitung, die sie nie las, und der Kioskbesitzer, ein Mann namens Hüseyin, der jeden im Block kennt, sagte: „Ihr zwei seid doch Nachbarn, oder? Ihr guckt euch doch jeden Tag an.“

Sie lachten beide, und keiner widersprach.

Es fing mit Spaziergängen an. Nach dem Frühdienst, der um sechs beginnt und um halb drei endet, fuhr Svenja nicht direkt nach Hause, sondern mit dem Rad durch die Eilenriede, und an einem Dienstag im Mai stand Ole an der Kreuzung am Steuerndieb, als hätte er dort zufällig gewartet. Es war nicht zufällig. Sie liefen zusammen durch den Stadtwald, zwischen Joggern und Hundebesitzern, und redeten über Bücher, die er geschnitten hatte, und über Patienten, deren Namen sie nicht nennen durfte. Er hörte zu wie jemand, der beruflich zuhört. Sie hatte vergessen, wie sich das anfühlt.

Beim dritten Spaziergang küsste er sie unter den Buchen, und sie ließ es geschehen, und auf dem Rückweg radelte sie so schnell, dass ihr die Beine brannten.

Seitdem gibt es die Zwischenzeiten. So nennt sie sie für sich, nie laut. Die Stunden nach dem Frühdienst, wenn Dennis Spätdienst hat und bis zehn im Revier ist. Die langen Tage zwischen einem Spät- und einem Nachtdienst, an denen sie eigentlich schlafen sollte. Sie kennt beide Dienstpläne auswendig, und manchmal erschrickt sie darüber, wie genau sie inzwischen rechnet.

Der Weg ist lächerlich kurz. Durch den eigenen Hausflur hinunter, über den Hof an den Mülltonnen vorbei, drüben die Treppe hinauf. Achtzig Schritte, sie hat sie gezählt, gleich beim ersten Mal. Kein Auto, keine Straßenbahn, kein Hotel, kein Alibi. Nur die Frage, wer gerade aus welchem Fenster schaut.

Das ist das Aufregende daran, und das ist das Furchtbare.

In Oles Wohnung riecht es nach Kaffee und nach Staub auf warmen Geräten. Die Vorhänge sind immer halb zugezogen, weil das Licht auf den Bildschirmen stört. Wenn sie klingelt, nimmt er die Kopfhörer ab und legt sie auf den Schreibtisch, sorgfältig, als wäre das ein Ritual, und dann steht er da und sieht sie an, und für eine Weile gibt es keinen Dienstplan mehr. Die Tür fällt ins Schloss, und alles andere bleibt auf dem Hof.

Hinterher liegen sie manchmal nebeneinander und hören durch das gekippte Fenster die Geräusche aus dem Hof. Kinder, eine Teppichstange, Musik aus einer Küche. Einmal hört Svenja ihre eigene Nachbarin, Frau Kowalski aus dem Erdgeschoss, die unten nach ihrer Katze ruft. Sie hält die Luft an, als könnte man sie durch zwei Wände atmen hören.

„Du bist ganz woanders“, sagt Ole.

„Ich bin achtzig Schritte woanders“, sagt sie.

Hast du selbst ein Geheimnis frei?

Die Frauen in diesen Geschichten haben den ersten Schritt gewagt. Wähle einen Nickname, such deine Stadt und schreib ihr, was du dir vorstellst.

Seitensprung finden

Sie schämt sich nicht, wenn sie bei ihm ist. Das ist das Merkwürdige. Die Scham kommt später, wenn sie zurückgeht, über den Hof, an den Mülltonnen vorbei, und in ihrer eigenen Küche steht und hinüberschaut und sich selbst dort drüben sieht, wie in einem Film über jemand anderen. Und sie kommt am stärksten, wenn Dennis nach einer Nachtschicht nach Hause kommt, grau im Gesicht, und die Uniformjacke über den Stuhl hängt und fragt: „Und, wie war dein Tag?“, und sie sagt: „Ruhig.“

Einmal, Ende September, sieht sie vom Hof aus, dass in ihrer eigenen Küche Licht brennt. Es ist halb vier, Dennis müsste auf dem Revier sein. Sie bleibt zwischen den Mülltonnen stehen, das Herz schlägt ihr bis in die Ohren, und in ihrem Kopf formt sich schon ein Satz über Frau Kowalskis Katze. Dann fällt ihr ein, dass sie das Licht am Morgen selbst angelassen hat. Sie lehnt sich an die Hauswand und wartet, bis ihre Hände aufhören zu zittern. Achtzig Schritte können sehr lang sein.

Dennis ist kein Mann, der Verdacht schöpft. Er ist ein Mann, der sechs Stunden lang in einem Streifenwagen sitzt und danach nur noch schlafen will. Er würde es nie merken, glaubt sie. Und genau das, das merkt sie im Herbst, ist das Problem. Nicht, dass er es merken könnte. Sondern dass sie anfängt, ihn dafür zu verachten, dass er es nicht merkt. Und das hat er nicht verdient.

Im Oktober wird der Dienstplan für November ausgehängt. Svenja steht in der Stationsküche und sieht, dass sie drei Wochen am Stück Frühdienst hat, und Dennis, das weiß sie schon, fast nur Spät. Achtzehn freie Nachmittage. Ein Monat voller Gelegenheiten.

Sie fühlt keine Vorfreude. Sie fühlt Müdigkeit, eine tiefe, klare Müdigkeit, die nichts mit den Schichten zu tun hat.

Am nächsten Tag schreibt sie Ole nicht, dass sie kommt. Sie schreibt ihm: „Lister Meile, Kiosk am Lister Platz, halb drei.“ Er kommt pünktlich, in einer Jacke über dem Hoodie, die Kopfhörer um den Hals. Sie kauft zwei Kaffee im Pappbecher, und sie setzen sich auf eine Bank, zwischen Leuten mit Einkaufstüten und einem Mann, der Tauben erklärt, was er vom Bürgermeister hält.

„Du willst hier reden“, sagt Ole. „Nicht bei mir.“

„Bei dir kann ich nicht reden“, sagt sie. „Bei dir höre ich auf zu denken. Das war ja das Schöne.“

Er nickt. Er hat es gewusst, das sieht sie. Wahrscheinlich hat er es länger gewusst als sie selbst, weil er beruflich hört, wann eine Stimme sich verändert.

„Es liegt nicht an dir“, sagt sie, und dann müssen sie beide lachen über den Satz, weil er so abgenutzt ist. „Doch, es liegt ein bisschen an dir. Du bist zu nah. Achtzig Schritte. Ich stehe in meiner Küche und sehe dein Licht, und dann weiß ich nicht mehr, in welcher Wohnung ich eigentlich wohne.“

„Und Dennis?“

„Mit Dennis muss ich selber klarkommen. Aber das kann ich nicht, solange ich über den Hof gehe.“

Ole dreht den Becher in den Händen. Dann sagt er etwas, das sie ihm nie vergessen wird: „Danke, dass du es mir hier sagst. Und nicht am Fenster.“

Sie bleiben noch eine Weile sitzen, bis der Kaffee kalt ist. Dann gehen sie zurück, getrennt, sie über die Meile, er durch die Seitenstraßen, und als sie zu Hause ist, zieht sie in der Küche zum ersten Mal seit Monaten den Vorhang nicht zur Seite.

Am Abend nimmt sie einen roten Magneten aus der Schublade und hängt ihn an den Kühlschrank, auf einen Sonntag im November, an dem sie beide frei haben. Dennis wird fragen, was das bedeutet. Sie wird es ihm sagen: dass sie an diesem Tag mit ihm in die Eilenriede will. Ohne Uhr. Und dass sie ihm etwas erzählen will, das sie selbst gerade erst verstanden hat, auch wenn sie noch nicht weiß, wie viel davon.

Vergebene Frauen in deiner Gegend Hannover

Noch mehr heimliche Geschichten

Fünfundsiebzig Minuten

Serientermine im Outlook, zwei geheime Mailadressen, immer dasselbe Parfum: Die Münchner Anwältin Lena hat ihre Mittagspause perfekt organisiert. Zu Hause redet ihr Freund nur noch über Doppelhaushälften, in der Gabelsbergerstraße redet niemand über Tilgung.

Lena, 34 · München

Das hohle Geräusch

Keine echten Nachnamen, kein Wochenende, aussteigen ohne Begründung: Mit drei Regeln geht Katrin nach sechzehn Ehejahren in eine Hotelbar der HafenCity. Am Ende liegt eine Zimmerkarte zwischen zwei Gläsern und wartet auf ihre Entscheidung.

Katrin, 41 · Hamburg

Schlösser ohne Schlüssel

Seit fünf Messen kennt Sabine den Mann vom blauen Stand gegenüber nur flüchtig. Dann folgen ein Abend im Brauhaus, sieben Striche auf dem Deckel und ein Satz auf der Hohenzollernbrücke, den sie nicht hören will.

Sabine, 45 · Köln

Hast du selbst ein Geheimnis frei?

Die Frauen in diesen Geschichten haben den ersten Schritt gewagt. Wähle einen Nickname, such deine Stadt und schreib ihr, was du dir vorstellst.

Seitensprung finden
Diskret anmelden
Heimlich Kontakt aufnehmen

Bist du volljährig?

Auf dieser Seite geht es um heimliche Treffen zwischen Erwachsenen, um Seitensprünge und Affären. Sie ist nur für Menschen ab 18 Jahren gedacht. Mit einem Klick auf Weiter erklärst du, mindestens 18 zu sein und solche Themen sehen zu wollen.